Nicht nur zur Weihnachtszeit 

Von Alexander Höhn

 

Die Satire Heinrich Bölls ist wohl passende Ouvertüre für diesen tatsächlich äußerst ernst gemeinten Artikel (im - um die genialsten Kabarettisten des deutschsprachigen Raums zu nennen - Sinne Gerhard Polts und Josef Haders). 

Nicht nur zur Weihnachtszeit - inszenieren Kinder täglich das Weihnachtsfest für ihre emotional notleidenden Eltern. Verantwortungsübernahme, höchste Anpassung an die Konventionen der Herkunftssippe, Leugnung der eigenen Bedürfnisse und dabei flüssiges Funktionieren mit perfekter Unterdrückung der unangenehmen Gefühle, hier wunderbar humoristisch dargestellt.
Erinnert uns das nicht bittersüss an das eigene Profil? Den langen Weg zur eigenen Wahrhaftigkeit jenseits extremistischer Ausschläge zwischen Anpassung und Wut, Selbstverleugnung und narzisstischer Kompensation, jetzt bin ich aber mal dran, mindestens materiell. Eben - nicht nur zur Weihnachtszeit.

Diese mythische Tradition unserer christlichen Kultur, welche doch Morgen- und Abendland so trefflich zu verbinden vermag, lässt unseren Selbstwert in dieser Zeit freudvoller Ankündigung so manches Mal irrlichtern. Bewegt sich das Kind in uns doch sehnsüchtig durch die Straßen, mag geborgen innehalten, einfach nur den eigenen Atem spüren, den Lichtern folgen, sich freudvoll aufgehoben fühlen. Das existentielle Grundbedürfnis des Menschen, das uns alle verbindet. Und gerade da ist der Schmerz besonders groß, wenn da wiederum nur kühles Funktionieren dominiert, die alten Familienmuster sich ein Stelldichein geben im christlichen Lichtermeer.

Was tun? Oh ja, die glitzernden Tempel der Städte aufsuchen, digitale Produkte kaufen und hoffen auf ein wenig Glück, das selbst dem genialen Steve Jobs so versagt blieb. Oder den Weg des konsumptiven Ketzers gehen - lange Spaziergänge machen, schweigen und den Wolken folgen? Lesen, Gedichte von Benn und Rilke lesen und heißen Tee schlürfen? In sich reinhören? Freunde treffen und lachen und traurig sein. Das Zweite schon schwieriger? 
Weihnachtsoratorien in Kirchen hören? Oder das ganze Gedöns einem notwendigen Sarkasmus übergeben? Ich bin doch kein Kind mehr - wirklich? Oder einen Workshop besuchen, sich selbst auf die Spur zu kommen, sich „phantastisch“ im Kreise Anderer zu begegnen mit einem Berater, der all die Fragen in sich trägt? Sich auf eine frohe Botschaft zu freuen, die aus uns selbst zu entstehen vermag? Und gleichzeitig eine Karte für Gerhard Polt zu besorgen, der eben durch die Lande tourt? 

Tatsächlich ist das alles ohne Humor nicht zu ertragen...und ein Quentchen Ketzerei. Es muss ja nicht gleich Anarchie sein, ein mitgesungenes Lied in einer Kirche reicht schon. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...“.