Muss Beratung und Coaching radikaler werden?

 

Ein Beitrag von Alexander Höhn

Seit fünfundzwanzig Jahren begleite ich Einzelne, Paare, Familien, Teams und Organisationen auf dem Hintergrund eines humanistisch-konstruktivistisch orientierten und fundierten Menschenbildes.

Mit meiner Rolle als Berater und Coach setzte ich mich kontinuierlich auseinander – dem Spannungsbogen zwischen einem «Erfüllungsgehilfen» und «Sozialarbeiter», der hinter dieser humanistischen Maskierung dafür sorgt, Menschen noch optimierter, leistungseffizienter, wirkungsvoller mindestens sich selbst auszubeuten im Dienste kapitalistischen Mehrwerts und der antipodischen Perspektive - über einen bewussten, verantwortlichen Umgang mit sich selbst, ebenbürtige, sinnvolle Beziehungen zu gestalten zur Entwicklung kreativer, sinnhafter Produkte, Prozesse und Organisationen.

Die Wahrheit liegt wohl in einem Miteinander von mehr oder weniger erträglichen bis unerträglichen Funktionen, die ich ehrlicherweise als Coach in unserem Wirtschaftssystem einnehme.

Muss Beratung, muss Coaching radikaler werden? Ja, das denke ich schon.

Radikaler mit sich, nicht nur der eigenen Rolle, sondern vielmehr der eigenen Haltung. Welche Prämissen liegen meiner Haltung zugrunde? Bin ich mir derer bewusst? Meinen Ambivalenzen und verantworte ich diese bewusst?

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer bietet hier eine berührende Navigation in seinem Gedicht «Wer bin ich?»:
«Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss. Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern frei, freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten. Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist. Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiss? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle, hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen, dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe, zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung, umgetrieben vom Warten auf grosse Dinge, ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen? Wer bin ich? Der oder jener?»

Radikaler mit sich hiesse ehrlicher, wahrhaftiger zu sein, wenigstens anzustreben in Zeiten, in denen nun die Frage ist, «welche Frage das Leben an uns stellt»? (Viktor E. Frankl).

Sind wir nur Nacheifernde als Coaches oder kommen wir in dieser Transmission, diesem Paradigmenwechsel hin zu einem ökologischen, sinnvollen, ganzheitlicheren Sein zu einer eigenen, emanzipierten Haltung, die wir unseren KundInnen anbieten können?

Radikaler hiesse, mir in die Augen zu schauen, zärtlich, schmerzlich, klar, um dementsprechend Beziehungen gestalten zu können, kulturell Einfluss zu nehmen (Sinnebenen nach Frankl), zu handeln und zu agieren in der Lage zu sein. Mit dem Spiegel des Malers im Antlitz, der sich selbst im Blick hat. Was biete ich hinter meiner Persona an – frei nach C.G. Jung?

Radikal hiesse, die Botschaften einer Jugend ernst zu nehmen, für die Radikalität und Wertschätzung nicht nur keine Widersprüche, sondern die Bedingungen schlechthin sind, um das Weiterleben global gewährleisten zu können.
Hier können wir lernen und staunen. Und uns unserer Verantwortung bewusst werden, nun als Ältere hierzu mit einer Haltung beizutragen, die die eigene Selbstverlorenheit in den Blick nimmt, sich von mehr als lieb gewordenen Gewohnheiten verabschieden zu können, um die mehr als notwendigen Klimaziele erreichbar zu machen und die damit einhergehende Konsequenz, Lebensstil und Haltung zu reflektieren.

Radikal hiesse, nun zu eigenen Prämissen zu gelangen.

Von Dietrich Bonhoeffer stammt der existentielle Satz – «Wir müssen dem Schicksal in die Speichen greifen».
Für den von mir Verehrten bedeutete das den Weg des Gebrandmarkten in den Tod.

Wir Coaches – wo stehen wir? Wofür stehe ich, welche Werte vertrete ich, verbalisiere ich? Mit Selbstempathie und Rücksicht für die Menschen, mit denen ich zu tun habe?
So würde ich Radikalität in unserer Arbeit definieren.

Diesen Text schliesse ich mit Dietrich Bonhoeffer ab, einem wunderbaren Text, der geistig alles umfasst, was ich kaum auszudrücken vermochte und hier einen visionären Ausblick zu geben vermag:
«Und so bietet Bonhoeffer, nachdem die schwere konzeptionelle Arbeit beendet ist, eine theologische Meditation zum «Kind» an, zu dem Gedanken, an dem er in Barcelona gearbeitet hatte. Sie wirkt fast wie ein Schlusssegen. Das Kind sei «das Seufzen der Theologie», ein Flüstern «zwischen Ewigkeit und Ewigkeit», ein «stilles und betendes Gespräch des Kindes mit dem Vater». Das Kind sehe sich selbst in «der Gewalt des Zustossens des `Zukünftigen`» und bitte Gott nur darum, das es noch stärker in der Gegenwart leben könne. Es stehe für die «neue Schöpfung», da es «aus der Enge der Welt geboren wird in die Weite des Himmels».
Mit dieser einmaligen Aussage endet die Lektion.

Auf dem Weg zu einer «grösseren Radikalität» hilft das Lesen von Bonhoeffer, Frankl, Jung, Freud, Belletristik und Gedichte.
In Zeiten der Pandemie bieten sich lange Spaziergänge an, bewusstes Wahrnehmen, für Geübte und Ungeübte das unüblich gewordene Beten, auch Meditationen neben all dem, was uns das täglich Tun aufträgt, die tägliche Struktur diktiert.
Die Qualität des eigenen Lebens wird es lohnen und – unter der Voraussetzung des Unabsichtlichen – macht es Dich als Coach unsterblich. Nahezu jedenfalls. Humor ist nach Friederich Dürrenmatt "Der Ausdruck für Vernunft" schlechthin.